Ende September 2015 beobachtete ich eine schwarze
Wespe mit gestieltem Hinterleib an unserem Balkongeländer. Es
handelte sich unverkennbar um einen große Grabwespe, die ich nicht kannte.
Nach einigen Beobachtungen stellte sich heraus, dass das Tier im inneren
Hohlraum des Geländers ein Nest anlegte, das es mit Heuschrecken
verproviantierte. Zwei gelähmte Exemplare der Südlichen Eichenschrecke
waren offensichtlich zu groß für die Bohrung gewesen. Sie blieben über
Tage im Wasserablauf des Balkons direkt unter dem Nesteingang liegen. Leider gelang es mir nicht, die Wespe selbst zu
fotografieren.
Um welche Art handelte es sich nun? Das Studium meines
Grabwespen-Bestimmungsbuchs (Rolf Witt: Wespen beobachten, bestimmen,
Naturbuch Verlag 1998) brachte keine Klärung. Das
Fahndungsraster (große, schwarze, hypogäisch nistende, Heuschrecken
eintragende Grabwespenart mit gestieltem Abdomen, noch spät im Jahr aktiv)
lief erstaunlicherweise ins Leere. Warum?
Eine Google-Abfrage brachte die Lösung: Weil diese Art zum Zeitpunkt
der Erstellung des Buchs in Mitteleuropa noch nicht beobachtet worden
war. Es handelte sich eindeutig um ein Weibchen des Stahlblauen
Grillenjägers (Isodontia mexicana, Saussure 1867), eine Art, die 1997
in Tübingen erstmals in Deutschland entdeckt wurde.
Ursprünglich ist diese Art in Mittel-
und Nordamerika beheimatet. Erste Nachweise auf
dem europäischen Kontinent stammen aus den 1960er Jahren, als Tiere im
Süden Frankreichs gefunden wurden. In den
vergangenen zwei Jahrzehnten breitet sich die Art auch
in Mitteleuropa aus. Es gibt Meldungen aus Kehl (2003), dem
Kaiserstuhl (2007), Rheinland-Pfalz (2010), Nordrhein-Westfalen (2011) und
Hessen (2016). In der nördlichen Oberrheinebene tritt die Art in
blütenreichen Biotopen nach Burger (2015) und Schmidt (2015) bereits lokal
häufig in Erscheinung.
Natürlich habe dieses Jahr wieder nach der Wespe
Ausschau gehalten, und sie zu meiner großen Freude im Juli erneut an
unserem Balkongeländer beobachtet. Das Weibchen fiel besonders auf, als es im
Flug rund zehn Zentimeter lange Blattspreiten
von Grashalmen zum Nest transportierte. Vor einigen Tagen
berichtete ein Freund, der einige Straßen weiter wohnt, er habe eine
Wespe an einem Fenster seiner Wohnung ebenfalls beim Eintragen von
Grasstücken beobachtet. Das Tier habe sein Nest in den
Entwässerungskanal eines nach Süden ausgerichteten Fensters gebaut.
Ein Foto des Tieres, das er in der Nähe des Nestes machen konnte, brachte
Gewissheit: Auch bei diesem Tier handelte es sich um ein Weibchen
von Isodontia mexicana.
Ich danke Michael Sander für die Überlassung
seiner Aufnahme zur Publikation.
Literatur:
Burger, R. (2010): Isodontia mexicana (Saussure
1867) (Hymenoptera: Sphecidae) – eine neozoische Grabwespe in
Südwestdeutschland. Erster Nachweis in Rheinland-Pfalz. - Pollichia Kurier 26
(1): 25-27, Bad-Dürkheim.
Burger, R. (2015): Nachweise der Großen
Mörtelgrabwespe Sceliphron destillatorium in Mannheim und Angaben zur aktuellen
Verbreitung der neozoischen Grabwespen Sceliphron curvatum, S. caementarium und
Isodontia mexicana in Rheinland-Pfalz (Hymenoptera: Sphecidae).- Pollichia
Kurier 31 (1): 13-18, Bad-Dürkheim.
Rennwald, K. (2005): Ist Isodontia mexicana
(Hymenoptea: Sphecidae) in Deutschland bereits bodenständig? - Bembix, 19:
41-45.
Schmidt, K. (2015): Isodontia mexicana (Sausurre,
1867), Sceliphron curvatum (F. Smith, 1870) und Oryttus concinnus (Rossi, 1790)
in einem Garten in Heidelberg-Neuenheim (Hymenoptera: Sphecidae, Crabronidae).-
Carolinea 73 (2015): 131-134, Karlsruhe.
Westrich, P. (1998): Die Grabwespe Isodontia mexicana
(Saussure 1867) nun auch in Deutschland gefunden (Hymenoptera: Sphecidae). -
Ent. Z., 108: 24-25; Frankfurt a.M.
Westrich, P.
http://www.wildbienen.info/forschung/beobachtung20070814.php
Witt, R. (1998): Wespen. Beobachten, bestimmen. Augsburg. Naturbuch-Verlag. 360 Seiten, zahlr. Abb.
