10. September 2015

Wildes Erbe bei Hausschweinen – Genetiker staunen über komplizierte Realität

Schweineweide im Wald | Les Très Riches Heures du duc de Berry: Novembre
Der Deutschlandfunk sendete jüngst in seiner Wissenschaftsendung „Forschung aktuell“ einen Beitrag über die neuen Erkenntnisse britischer Wissenschaftler zur Domestizierung des Hausschweins. Ein Team von Paläogenetikern hat das Erbgut von mehr als einhundert Schweinerassen aus allen Regionen der Welt untersucht. Die Leitfrage war, ob der Prozess der Domestizierung ein einmaliger Vorgang war oder ob es dabei wiederholt zu Einkreuzungen neuer Wildschwein-Gene kam. Die für die Genetiker beunruhigende Erkenntnis: Die einfachen Modelle, von denen sie üblicherweise ausgehen, passten nicht zu ihren Ergebnissen.

Das heutige Genom des Hausschweins kann nur entstanden sein, indem die domestizierten Tiere immer wieder Nachwuchs mit wilden Artgenossen gezeugt haben. Das etwas ratlose Fazit: Ob die regelmäßigen Einkreuzungen von Wildschweinen bewusst durch die Bauern gefördert oder eher zufällig zustande kamen, bleibe noch zu klären.

Worüber soll man sich jetzt mehr wundern: Dass die Redaktion diese Meldung ohne weiteren Kommentar verbreitet? Oder darüber, dass Forscher im Labor die Entstehung von Haustierrassen ergründen und dabei kulturgeschichtliche Quellen zur Tierhaltung völlig ignorieren? In Deutschland wurden bis ins 19. Jahrhundert neben Rindern, Ziegen und Schafen auch die Schweine zur Weide in die Wälder getrieben. Eichen wurden gehegt und gepflegt, weil ihre Früchte den wertvollen Fleischlieferanten so gut schmeckten. Dass es dabei immer wieder zu Begegnungen mit den wilden Verwandten kam, manche Hausschweine zumindest phasenweise im Wald blieben, sich Wildsauen gelegentlich den gezähmten Herden anschlossen, und es deshalb zu Einkreuzungen kam – das ist nun wirklich nicht weiter erstaunlich.