6. Mai 2013

Halber Job, volle Kraft


Seit zwei Jahren habe ich nun einen halben Job. Meine Frau arbeitet Vollzeit. Unsere Kinder besuchen nach der Schule einen Hort, bekommen dort ein Mittagessen und machen ihre Hausaufgaben. Diesbezüglich sind wir also in einer komfortablen Situation. Ich bin froh, dass ich die Stelle gefunden habe. Dafür nehme ich es in Kauf, täglich fast zwei Stunden für den Hin- und Rückweg aufzubringen.

Fünf Stunden sind ein enges Zeitfenster. Will man unter diesen Bedingungen etwas bewegen, muss man sehr fokussiert sein. Ich kann nicht jederzeit noch eine halbe Stunde draufpacken, weil Besprechungen deutlich länger dauern als vorgesehen. Wenn ich das Büro betrete, habe ich meine Agenda im Kopf, an der ich mit voller Kraft arbeite. Die souveräne Lockerheit, die andere im Umgang mit ihrer Zeit an den Tag legen, geht dabei verloren.

Es kommt vor, dass man Kollegen enttäuscht. Wenn einer kurz vor dem Ende meines Arbeitstags anruft und sofortige Hilfe in einer dringenden Grafiksache erwartet, muss ich ihn auf morgen vertrösten. Mit Erklärungsversuchen lässt sich die missliche Situation nicht immer retten. Halber Job, halbe Portion, wird sich mancher denken.

Es bleibt auch nicht aus, dass man selbst mit den straffen Zeit-Korsett hadert. Weil Wichtiges und Interessantes verpasst wird, und bereits Angefangenes vertagt oder an andere abgegeben werden muss.

Man wird empfindsam für Zwischentöne in der Bürokommunikation. Was meint die Kollegin, die beim Abschied um 13 Uhr einen schönen Feierabend wünscht? Hat sie dabei vor Augen, dass zu Hause ein voller Wäschekorb, ein leerer Kühlschrank und zwei Kinder warten, von denen eins zur Kommunionsgruppe begleitet und das andere abgehört werden will? Oder einen Mann, der Kind, Kleidung und Küche ganz seiner Frau überlässt, und die freie Zeit auf dem Balkon genießt?

Irritationen gehören also zum Tagesgeschäft. Teilzeit arbeitende Männer, die zu Hause mit anpacken, sind eben rar. Aber davon will ich mich nicht ablenken lassen. Es ist ein gemeinsamer Lernprozess. Die kurze Arbeitszeit bietet mir immerhin die Chance, dass ich Vollgas geben kann.